Dieser Beitrag fasst eine publizierte Fallserie zusammen und ordnet sie wissenschaftlich ein. Die beschriebenen klinischen Fälle stammen von Daniel Cullum, DDS, und Mark Lucas, DDS, MS (Cullum D, Lucas M. Minimally Invasive Extraction Site Management With Dehydrated Amnion/Chorion Membrane (dHACM): Open-Socket Grafting. Compend Contin Educ Dent. 2019;40(3):178-183).
Warum Socket Preservation nach der Extraktion?
Nach einer Zahnextraktion verändert sich die Alveole in Höhe und Breite, weil der Alveolarknochen zahnabhängig ist und ohne funktionellen Reiz resorbiert. Eine systematische Übersicht zu den dimensionalen Veränderungen der Extraktionsalveole zeigt, wie ausgeprägt dieser Verlust ausfallen kann[2]. Für eine spätere, prothetisch korrekt positionierte Implantation ist das ein Problem, weil Knochenangebot verloren geht. Eine Metaanalyse zur Alveolar Ridge Preservation belegt, dass die aktive Erhaltung der Alveole die Resorption gegenüber der ungeschützten Heilung signifikant reduziert[3]. Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern wie man die Alveole am schonendsten erhält.
Das Prinzip der offenen Einheilung (open-socket grafting)
Bei der offenen Technik wird die gefüllte Alveole nicht durch einen mobilisierten Lappen primär verschlossen, sondern mit einer Membran abgedeckt und offen einheilen gelassen. Der Vorteil: Es ist kein Lappen nötig, die periostale Blutversorgung bleibt erhalten, die vestibuläre Tiefe wird nicht verändert und die keratinisierte Gewebebreite kann sogar zunehmen. Als etablierte offene Variante gilt die Abdeckung mit nicht resorbierbaren dPTFE-Membranen[6]. Genau in diesem Kontext wird die dehydrierte Amnion-/Chorionmembran (dHACM) als biologisch aktive Alternative diskutiert.
Warum eine Amnion-/Chorionmembran? Die biologische Rationale
Plazentares Gewebe vereint eine kollagenbasierte extrazelluläre Matrix mit einer Vielzahl löslicher Signalproteine. Für dehydrierte humane Amnion-/Chorion-Transplantate wurde ein breites Spektrum an Wachstumsfaktoren und regulatorischen Proteinen beschrieben, das die Wundheilung fördern, die Entzündung modulieren und die Gefäßneubildung anregen kann[5]. Zusätzlich gilt das Gewebe als immunprivilegiert, sodass keine Fremdkörperreaktion zu erwarten ist. Praktisch ist die Membran dünn und anschmiegsam, muss nicht wie klassische Kollagenmembranen zugeschnitten werden und lässt sich in den Sulkus einlegen.
Eine Einschränkung ist ehrlicherweise zu nennen: Wegen des geringen fibrösen Anteils kann die Amnion-/Chorionmembran den Raum nicht eigenständig halten. Sie ist ein Adjuvans zur Heilungsförderung und ersetzt nicht das raumhaltende Knochenersatzmaterial. Für die eigentliche Volumenstabilität sorgt weiterhin das Graft.
Der dokumentierte Fall: offene Einheilung Schritt für Schritt
In einer publizierten Fallserie von Cullum und Lucas wurde die minimalinvasive offene Socket Preservation mit Amnion-/Chorionmembran an zwei Patienten dokumentiert[1]. Als Amnion-/Chorionmembran kam in beiden Fällen BioXclude zum Einsatz. Im ersten Fall ging es um die ästhetische Zone im Oberkiefer mit Pontic-Situation: Nach atraumatischer Extraktion und gründlicher Kürettage wurde die Alveole mit einem partikulären Xenograft-Hydroxylapatit-Gemisch zur langfristigen Volumenstabilität gefüllt, mit der Amnion-/Chorionmembran abgedeckt und mit invertierten Achter-PTFE-Nähten stabilisiert. Nach elf Monaten zeigten sich stabile Hart- und Weichgewebekonturen. Im zweiten Fall, einem nicht erhaltungswürdigen Unterkiefermolaren, wurde ein kortiko-spongiöses Allograft-Xenograft-Gemisch verwendet; nach etwa sechs Monaten fand sich zum Zeitpunkt der Implantation ein deutliches bukkales Knochenvolumen.
Was die Evidenz sagt
Die belastbarste klinische Arbeit zu diesem Ansatz ist eine randomisierte Split-Mouth-Studie, die die Amnion-/Chorionmembran direkt gegen eine dPTFE-Membran in der Alveolar Ridge Preservation verglich[4]. Ergebnis: Beide Membranen erhielten den Kamm gleich gut. Die Amnion-/Chorion-Areale zeigten histomorphometrisch jedoch signifikant mehr Osteoid und eine höhere Knochenvolumendichte, während die mineralisierte Knochenfläche zwischen den Gruppen nicht signifikant unterschiedlich war. Zusätzlich berichteten die Patienten in den Amnion-/Chorion-Arealen signifikant weniger postoperative Schmerzen. Die Membran ist der etablierten dPTFE-Membran also mindestens gleichwertig und kann Vorteile bei Schmerz und Knochenqualität bieten.
Einordnung: Über die Materialklasse hinweg ist die amnionspezifische Evidenz noch begrenzt und heterogen, sie umfasst kleinere randomisierte Studien, Fallserien und tierexperimentelle Arbeiten. Systematische Übersichten zu Amnion- und Chorionmembranen in der oralen und parodontalen Chirurgie fassen den Wissensstand zusammen und benennen zugleich den Bedarf an größeren kontrollierten Studien[7]. Für die Praxis bedeutet das: gute Argumente für den Einsatz als heilungsförderndes Adjuvans, aber keine Grundlage für pauschale Überlegenheitsversprechen.
Perioperatives Management
Die offene Einheilung mit Amnion-/Chorionmembran erfordert einige Abweichungen vom gewohnten Vorgehen. Oberflächenaktive Substanzen, die die bioaktiven Proteine der Membran schädigen können, sollten vermieden werden, darunter Chlorhexidin, Wasserstoffperoxid und alkoholhaltige Spüllösungen. Empfohlen wird in der frühen Heilungsphase eine schonende Mundhygiene, etwa sanftes Spülen und Zähneputzen mit Leitungswasser, während sich das initiale Fibringerinnsel und das Epithel bilden. Gerade bei großflächigen Defekten, etwa im Molarenbereich, gewinnt dieser Punkt an Bedeutung.
Fazit
Die minimalinvasive offene Socket Preservation mit einer Amnion-/Chorionmembran ist ein patientenfreundlicher Ansatz: kein Lappen, Erhalt der periostalen Durchblutung, weniger postoperativer Schmerz und in der Studienlage eine der dPTFE-Membran mindestens gleichwertige Kammerhaltung bei tendenziell besserer Knochenqualität. Entscheidend bleibt das richtige Zusammenspiel: Die Membran fördert die Heilung, das raumhaltende Knochenersatzmaterial sorgt für die Volumenstabilität. In dieser Kombination ist die Technik eine überzeugende Ergänzung des modernen Alveolenmanagements.
Literatur
- Cullum D, Lucas M. Minimally Invasive Extraction Site Management With Dehydrated Amnion/Chorion Membrane (dHACM): Open-Socket Grafting. Compend Contin Educ Dent. 2019;40(3):178-183.
- Van der Weijden F, Dell'Acqua F, Slot DE. Alveolar bone dimensional changes of post-extraction sockets in humans: a systematic review. J Clin Periodontol. 2009;36(12):1048-1058.
- Avila-Ortiz G, Elangovan S, Kramer KW, Blanchette D, Dawson DV. Effect of alveolar ridge preservation after tooth extraction: a systematic review and meta-analysis. J Dent Res. 2014;93(10):950-958.
- Hassan M, Prakasam S, Bain C, Ghoneima A, Liu SS. A randomized split-mouth clinical trial on effectiveness of amnion-chorion membranes in alveolar ridge preservation: a clinical, radiologic, and morphometric study. Int J Oral Maxillofac Implants. 2017;32(6):1389-1398.
- Koob TJ, Lim JJ, Massee M, et al. Properties of dehydrated human amnion/chorion composite grafts: implications for wound repair and soft tissue regeneration. J Biomed Mater Res B Appl Biomater. 2014;102(6):1353-1362.
- Hoffman O, Bartee BK, Beaumont C, et al. Alveolar bone preservation in extraction sockets using non-resorbable dPTFE membranes: a retrospective non-randomized study. J Periodontol. 2008;79(8):1355-1369.
- Gulameabasse S, et al. Chorion and amnion/chorion membranes in oral and periodontal surgery: a systematic review. J Biomed Mater Res B Appl Biomater. 2021.

